Persönliches zur Depression

Was braucht man? Das Meer? Die Unermesslichkeit dieser ozeanischen Weite, der Wellen, des Schwere des Himmels, des Wassers und die Dunkelheit seiner Tiefe? Des rhythmischen Rauschens am Strand. Nichts denken müssen. Nichts, einfach?

Die Frage nach dem Brauchen ist falsch gestellt. Man braucht nichts. Wenn man schreiben kann z. B., braucht man nichts als diese Klangbilder, diese akustischen Signifikanten der Worte, und wie man sie aneinanderfügt. Ein Wortklangbild zum anderen, ein Meeresrauschen, ein Verebben nach dem nächsten Wellenschlag und wieder eines. Metapher für Metapher. Nur wofür?

Soll´s jemand lesen? Ja, aber vielleicht nur einer oder zwei oder noch ein paar. Es müssen nicht viele lesen und schon gar nicht alle. Auch wenn es niemand liest würde ich schreiben, obwohl ich überhaupt nicht der sein will, der jetzt vom Schreiben schwärmt. Viele Schriftsteller tun das, und das ist eigentlich gar nicht gut. Es hat etwas Narzisstisches an sich, etwas Exhibitionistisches sogar. Sie zeigen sich in ihrer eigennützigen Verliebtheit in die Musik der Sprache, der Silben und Vokabeln, der Sätze. Nein, das braucht man nicht.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich etwas zu sagen habe. Doch, ich habe dem Tod ins Auge geschaut und jede Nacht träume ich von etwas Großem, Chaotischen, unendlich Schwierigem, Trostlosen. Von irgendwelchen Verwicklungen in die starke Nähe zu allen möglichen Gestalten, Tier- und Menschenteilen, Auswegslosigkeiten und Erotomanien. Träume davon einzusaugen, von Ängsten und sinnlosen ewig dauernden Handlungen. Ich bin Psychoanalytiker, ich habe die Traumdeutung studiert, aber es nützt gar nichts. Die Träume kommen und sind der ideale Weg zum Unbewussten, aber das Meiste bleibt unbewusst (das hat Freud schon so gesagt).

Ich hatte visionsartige Träume. Halbbewusste, farbige, großartige Bilder und Geschehnisse und dann doch wieder nur Träume. Aber im Ganzwachen wünsche ich mir auch diese Visionen nicht. Sie müssen ja irgendwo enden und dann geht es wieder weiter mit der Frage: was braucht man?

Einen Wellenschlag und ein paar Möven. Einen Windhauch, eine Fläche Sand. Einfach nur Boden, ebene Erde. „Du Geist der Erde bist mir näher, schon fühl ich meine Kräfte höher, schon glüh ich . . ." (Faust). Nein, nicht Geist, nicht Erde, nicht solche goetheschen Emotionen. Wortwahl, Klang der Lettern, Gefühl für die Stimmen der Natur, des Sandkäfers, des angeschwemmten Zweigs, des Tangs, der Gerüche. Jodsalz in der Luft.

Wenn, dann sollte jeder selber schreiben. Er sollte anfangen mit dem Satz: was braucht man? Danach braucht man nicht mehr viel. Die Gedanken fließen auf den Untergrund, man muss sie nicht richtig denken. Nicht zu Ende denken, gar auf die Konsequenzen achten. Trotzdem glaube ich nicht, dass man einfach aus der Tatsache heraus, dass es Buchstaben gibt, Schreibmaterial, Wortschwemme, Einfälle, Phantasien - dass man da heraus etwas zu sagen hat. Man muss zuerst dem Tod ins Auge sehen.

Dazu muss man ein bisschen depressiv sein oder auch mehr gewesen sein. Man muss sich sagen: alles ist sinnlos, niemand kann mir etwas geben. Die Dinge drehen sich um sich selbst, die Leute laufen im Kreis herum. Es ist negativ, wozu leben? Nur um die Seeluft zu atmen? Die Existenzialisten, die Dekonstruktivisten haben das allerdings vor fast hundert Jahren schon vorgemacht. Sartre, das Sein und das Nichts. Das Nichts. Weil es d a s ist, ist es doch, ist etwas. Das Das. Fragezeichen.

Und doch, man muss mit der Depression beginnen, und wenn man dann nicht einmal mehr einen Stift in der Hand halten kann, weil eben gar nichts mehr geht, weil man wie tot ist, muss man es jemanden sagen. Wenigstens: ich mag nicht mehr, es ist alles ohne jeden Sinn, und dann, dann muss man am besten Worte sagen, die mehrschichtig in ihrer Bedeutung sind, weil nur das das Unbewusste erreicht. Es ist mit dem Gebet das Gleiche. Wenn man in normalen Sätzen betet, gar bittet, kann das Ganze nicht erhört werden. Wenn man bittet muss man es in Formulierungen tun, die nicht direkt und zu fertig, zu beanspruchend sind.

Ich habe solche Formulierungen Formel-Worte genannt. Sie präjudizieren nichts, sie nehmen nichts schon vorweg (also eine Bitte z. B.). Sie beanspruchen nichts, sie wollen nichts haben, dafür beten sie umso mehr. Dafür garantieren sie um so mehr, dass es eine Antwort geben wird, eine wirkliche Entsprechung. Und es ist auch klar, warum das so ist: das Unbewusste ist aufgebaut wie eine Sprache (Lacan), wie die Sprache des Anderen (mit großem A, weil es ums radikal Andere geht), und diese Sprach-Wurzel-Sprache, diese Symbolische Ordnung (eine Sprache ohne Wörter), muss antworten, gerade wenn sie angesprochen wird mit einer Formulierung, die so vielschichtig in ihrer Bedeutung ist, dass sich das Bewusste, das Denken, nicht für etwas entscheiden kann (und darf). Dann muss eben das Unbewusste selbst antworten (oder die Seele oder Gott oder wie man das groß A nennen mag)

Nichts ist null und nichtig. Nicht einmal der Phönix. Denn kann man so lange darauf warten, dass sich etwas aus der Asche erhebt?

Natürlich nicht. Der Depressive muss einen Arzt aufsuchen, einen Therapeuten. Der hört ihm zu oder gibt ihm Medikamente. Ich gebe den Leuten einen Stein. Es ist so etwas wie der Stein der Weisen, aber natürlich ist gar kein Wissen da. Es ist ein linguistischer Stein, ein Kristall aus Vokativen, Wortwurzeln, eben diese Formel-Worte, die letztlich Antwort geben..

(Fortsetzung folgt)

Gehe nicht vor mir, Ich könnte nicht folgen. Gehe nicht hinter mir, Ich könnte nicht führen. Gehe neben mir, und sei mein Freund.

Albert Camus

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